Eigentum

Wir sprechen uns gegen Eigentum aus. Deshalb werden wir häufig gefragt: „Soll uns unser Haus und unsere Wohnung weggenommen werden?“. Dazu sei vorweg angemerkt, dass diese Frage insofern schief ist, als sich in einer anarchistischen Gesellschaft gar nicht stellt. So wie Fußball nach anderen Regeln abläuft als Handball, existieren bestimmte – konfliktträchtige – Konstellationen divergierender Interessen einer herkömmlich marktwirtschaftlich organisierten Gesellschaft im Anarchismus nicht.
Die Frage „wollt ihr uns unser Haus wegnehmen“ beantworten wir mit einem klaren Nein, wenn es um angemessenen Wohnraum geht, den ja jeder braucht, und bejahen sie, wenn es um den Missbrauch von Wohnraum als Spekulationsobjekt und Kapitalanlage für Reiche auf Kosten der Bewohner*innen geht.
Anarchist*innen wollen, dass sich alle Menschen der Dinge sicher sein können, die sie zu ihrer persönlichen Lebensführung bedürfen. Genau betrachtet bietet eine anarchistisch organisierte Gesellschaft sogar eine größere Sicherheit, denn sie schützt vor Wohnraumverlust durch profitorientierte Verwertungen (Mieterhöhungen, Kündigungen, Verkauf). Sie stützt sich dazu nur nicht auf das fragwürdige rechtliche Konstrukt des Eigentums, wie es heute definiert ist, das im Ergebnis nur einer kleinen Zahl von Menschen Vorteile zulasten der Mehrheit der Bevölkerung verschafft. Habt ihr mal ausgerechnet, wie viel Prozent eures Nettolohns für die Miete draufgeht. Eine Größenordnung habt ihr, wenn ihr euch vor Augen für, dass Menschen, die in über das Mietshäusersyndikat finanzierten Wohnungen leben, nur ca. 40% der Nettokaltmieten zahlen, die in den von Privaten gewinnorientiert bewirtschafteten Nachbarhäusern zu zahlen sind.
In einer anarchistischen Gesellschaft(sordnung) ist genug für alle da. Das hört sich erst einmal naiv an, ist aber nichts desto trotz richtig. Der unfassbare Reichtum einiger Weniger (also die Ansammlung von Eigentum(srechten) – hochtrabend nennen sie es Kapitalakkumulation) wird aufgelöst und allen Menschen zur Verfügung stehen. Damit stellt sich die Mehrzahl der heutigen „Verteilungskämpfe“ von vornherein nicht. Wohnungen „gehören“ dann denen, die darin wohnen. Selbstverständlich gehört es zu den Aufgaben einer anarchistischen Gesellschaft darauf zu achten, dass der Wohnraum bedarfsgerecht verteilt ist. Wenn z.B. eine Familie mit fünf Kindern in einer 180 qm großen Wohnung wohnt, ist es nicht richtig, dass die Eltern dort bis an ihr Lebensende weiter wohnen, wenn alle Kinder aus dem Haus sind und gleichzeitig – wie in jeder Großstadt – Wohnraumnot besteht.
Ist es utopisch unrealistisch, dass Grund und Boden und damit Häuser und Wohnungen niemanden „gehören“? Legt mensch den heutigen Zeitgeist zugrunde, lautet die Antwort: Ja. Aber machbar ist es ohne weiteres, schließlich war dies auch in Deutschland in früheren Zeiten schlicht Realität. Individuelles Eigentum an landwirtschaftlich genutzten Grundstücken war dem deutschen Recht in früher Zeit fremd (über andere Rechtsordnungen wissen wir zu wenig). Felder, Wiesen und Wälder standen im ungeteilten, gemeinschaftlichen Eigentum der Dorf- oder Markgenossen. Selbst als mensch anfing, Einzelnen bestimmte Flächen zur Nutzung zuzuweisen, blieb die „gemeine Mark“ (Viehweiden, Waldungen, Wege, u. ä.) gemeinschaftliches Eigentum (sog. Allmende ¹). Das zeigt: Selbstverständlich ist es ein praktisch mögliches Unterfangen, Grund und Boden zu organisieren, ohne ihn Einzelpersonen zuzuordnen. Einzige praktische Voraussetzung ist, dass die Menschen dies wollen – wir wollen es, damit die – wenn mensch sich die heutige Verteilung von Grund und Boden sowie sonstigem Vermögen ansieht: unfassbare – Bereicherung Einzelner an denen, die nicht zu den Profiteuren des heutigen Systems gehören, ein Ende hat! Selbstverständlich braucht es für eine so grundlegende Umgestaltung einer Gesellschaft viel, viel Zeit. Aber: Im 18. Jahrhundert hätte sich auch niemand in Europa wirklich vorstellen können, dass die vorherrschenden absolute Monarchien von demokratischen Verfassungen abgelöst werden, wie wir sie heute haben. Lasst uns nicht stehen bleiben, sondern den eingeschlagenen Weg weitergehen – dann bleibt Anarchie nicht nur ein Traum.
Für die Freiheit, für das Leben!


1) siehe Hartmut Zückert: Allmende und Allmendaufhebung. Vergleichende Studien zum Spätmittelalter bis zu den Agrarreformen des 18./19. Jahrhunderts; Quellen und Forschungen zur Agrargeschichte. Band 47.