Wer sind wir? Und wenn ja, wie wenige?

Zur Stellungnahme “Gegen linken Konservatismus – zum ständigen Gezänk zwischen Antideutschen und Antiimps” von Anarchistische Gruppe/Rätekommunisten (AG/R), Januar 2010

Danke AG/R für die o.g. Stellungnahme: Worte, die wir selbst so nicht finden konnten, uns aber auf der Zunge lagen und uns nun aus dem Herzen sprechen und durch euch inspiriert über die Tastatur aufs Papier fallen.

Wir fragen uns selbst: Wieso hat uns dieser Konflikt zw. Antideutschen u. Antiimps so sehr durchdrungen, dass selbst im kleinsten informellen Kreis Spaltungsprozesse drohten, auf der Suche nach Identität oder dem Festhalten daran, wovon man glaubte, dass es die eigene Identität sein sollte?

Es sollte doch zunächst eine eher antiimperialistische Identität sein, die wir annahmen, bis die Antideutschen immer mehr ins Gespräch kamen und ihre entfachten Diskurse uns erreichten (”Antisemit!”).

Wir waren erstmal angewidert von der Rechthaberei, Abgehobenheit und dem permanenten Versuch die Linke (viele ADs bezeichnen sich ja nicht mehr als links) als antisemitisch zu denunzieren. Sei es z.B. aus Kritik am Irakkrieg, israelischer Siedlungspolitik, Arbeitgebern, Hartz IV, Finanzmarkt od. Globalisierung: überall wurde ja ein versteckter Antisemitismus gewittert und abstrakt hergeleitet. Einen weiteren Punkt, den wir schwierig fanden (teilweise noch finden), ist der Versuch zum einen den Islam(ismus) mit dem Faschismus auf eine Linie zu setzen und die Tendenz fromme Moslems allgemeinhin als Islamfaschisten und Antisemiten zu bezeichnen.

Weiterer Kotzpunkt: Folglich war es als weitere Schlussfolgerung für die Antids nicht weiter schwierig, bei jedem solidarischen linkspolitischen Zugeständnis hinsichtlich der freien Religionsausübung und der kulturellen Differenzen (z.B. Kopftuch i.d. Schule), den versteckten Antisemitismus in der Linken nur noch mehr bestätigt zu sehen.

Auf der anderen Seite haben sich die Vorurteile verfestigt, dass die Antids in ihrer (teilweise) uneingeschränkten Israel-USA-Solidarität und einseitigen manchmal verächtlichen Palästinenser- und Islamkritik rassistischen Ressentiments gegenüber moslemischen Einheimischen und Einwanderern entsprechen würden. Und in ihrer Kritik am verkürzten Antikapitalismus sowie an entsprechenden Globalisierungsgegnern eher prokapitalistisch, liberal und auf eine pragmatische Weise nationalistisch seien. Also Feindbild.

Diese Stereotype haben sich auch bei uns erstmal verfestigt. Unhinterfragt. Vom Hören und Sagen her.

Dieses Bild hat sich allerdings bei genauerem Hinsehen durchaus verändert. Denn dort wo Vorurteile aufgelöst werden, weicht der affektiven Empörung oftmals die entschleiernde Nüchternheit, dass nicht immer alles so ist, wie man glaubte zu wissen.

Die Antideutschen sind nicht die “Teufel”, für die wir sie teilweise hielten und ihr Spektrum bei Weitem nicht so einheitlich, wie wir dachten. Wenn man sich wirklich mit sogenannten “antideutschen” Texten befasst, wird man es schwierig haben, Rassismus nachzuweisen. Das Gegenteil tritt meistens ein. Es erfordert allerdings Durchhaltevermögen, die teilweise recht verworrenen Texte aufmerksam bis zum Schluss zu lesen, um die Pointe auch zu verstehen. Denn hier gilt oftmals: warum nicht auch möglichst kompliziert ausdrücken, mit Schlenkern, Irrungen und Wirrungen, wenn es viel einfacher geht. Manchmal erhärtet sich der Eindruck: die Autoren wollen gar nicht verstanden werden. So gelangt man zugegebener Maßen schnell zu falschen Schlüssen.

An dieser Stelle sei gesagt: wir kennen aus persönlichen Kontakten Menschen beider Strömungen, die wir auf zwischenmenschlicher Ebene schätzen. Und ihre politischen Haltungen können wir durchaus ein Stückweit nachvollziehen und finden auch nicht alles falsch, an dem was sie sagen. Politisch trennen uns dennoch Denkwelten, die zwar nicht unüberbrückbar sind und uns hier da zusammenbringen mögen, aber an anderer Stelle wieder auseinander, sogar gegeneinander treiben. Ins Wortgefecht. Analytisch, lebhaft und kritisch. Und die Fäuste bleiben in der Tasche. So stellen wir uns Auseinandersetzungen vor.

Wir halten den traditionellen Antiimperialismus für einen gescheiterten Irrglaube und in einer Nostalgie befangen, die ihn unberechenbar wie ein trotziges Kind macht, welches Angst davor hat über einen romantischen Sozialismus hinauszudenken – aus Angst vor der tatsächlich realisierten Mündigkeit der sog. Allgemeinheit. Also folgt die Umklammerung am Volkskörper als Objekt der begehrten (Selbst)Befreiung, aufgelöst im Zug zur Macht über andere für die eigene Weltbestimmung: begonnen mit dem autoritären Souverän einer Person/ eines Personenkreises innerhalb der informellen Hierarchie einer Gruppe. (Dies betrifft natürlich nicht nur auf sog. Antiimps.zu)

Damit sollen sich jene angesprochen fühlen, die von Massenbewegungen träumen und sich als Avantgarde oder aufklärerische Befreier der Massen bzw. des sog. Volkes berufen sehen und dabei in ihrem festgefahrenen Dogma davon überzeugt sind die wahrhafte Lehre des Guten in ihrer Gemeinschafts-, Gleichheits- und Einheitsideologie zu vertreten. Dabei wird die westliche Zivilgesellschaft wird als größtes Übel identifiziert: da von ihnen imperialistisches Aggressorentum und Kriegstreiberei ausgehe: hier verstanden als Folgen der kapitalistisch-expansiven Profitgier der westlichen Welt. Selbstverständlich gibt es hier berechtigte Kritik und daraus resultierend notwendiges Engagement gegen die Folgen und für Alternativen. Aber aus einer anarchistischen – freiheitlichen – herrschaftslosen Perspektive wäre es falsch zu verleugnen, dass die bürgerliche Demokratie der liberalen bzw. kapitalistischen Gesellschaftssysteme mit ihren sozialen Errungenschaften egalitärer und fortschrittlicher sind, als z.B. die realsozialistischen oder islamistisch-geprägten Staaten dieser Welt. Wir kritisieren zwar nach wie vor die Kriege bzw. militärischen Interventionen in Afghanistan oder Irak scharf(vor allem in ihrer Form!), ohne aber zu übersehen, dass diese durchaus gegen abscheuliche Regime geführt werden.

Wir können dennoch die Ängste der eben anskizzierten Antiimps und die damit verbundenen Wünsche nachvollziehen. Auch wir entstammen z. T. dem antiimperialistischen Milieu  und bleiben davon geprägt und soweit verbunden, wie wir es für richtig halten, während wir uns von den traditionellen Vorstellungen lösen, teilweise auch Ekel davor empfinden.

Mittlerweile sehen wir uns innerhalb der radikalen Linken durch die vielen Kritiker, auch durch die antideutschen und antiimperialistischen Linken, vielfältig inspiriert und sind einerseits dankbar für die kritischen Impulse. So wie wir andererseits manchmal genervt sind von Absolutheitsansprüchen, Theoriegeprotze und Praxisverdruss jenseits von Party. Auch wenn wir sicherlich nicht besser sind.

Die Maxime “Auschwitz darf nie wieder sein” als Ausgangspunkt der antideutschen Akteure, ist eine Losung, die sich in der kritischen Auseinandersetzung auf verschiedenste Bereiche des menschlichen Handelns übertragen lässt und bedauernswerter Weise sicherlich aktuell bleibt, genauso wie z.B. antiimperialistisch-orientiertes Handeln gegen die Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse in den Postkolonien.

Wir können daher um so weniger die Absolutheitsansprüche der betreffenden Antiimps und Antids nachvollziehen. Das liegt vor allem daran, dass ihre Absolutheitsansprüche im krassen Widerspruch zu vorgeblich emanzipatorischen und an Selbstorganisierung orientierten Bestrebungen stehen: da sie die Befähigung zur (selbst-)kritischen Reflexion im Dialog und die daraus mögliche Weiterentwicklung bremsen.

Der permanente Versuch einiger ADs jegliche Linke Praxis als antisemitisch zu entlarven, ist ein Zeugnis für den infantilen Wunsch nach unbedingter Provokation und Abgrenzung vom aus ihrer Sicht romantischen Gutmenschentum: welches die ADs vorschnell als antisemitisches Ressentiment interpretieren und als typisch deutsch ablegen. In manchen sozialpraktischen Zusammenhängen mag das sicherlich zutreffend sein, aber in anderen verlieren sie sich hier in narzisstischer Selbstbezogenheit und (Mit-)Weltvergessenheit.

Wir beäugen das Gezänk zwischen den Menschen mit antideutscher und antiimperialistischer Politorientierung kritisch. Mögen sie weiter kommen als an diesen Punkt und die Fäuste in den Taschen lassen. Wir distanzieren uns und bleiben, wo wir sind. Wir können beides auf einmal sein und gar nichts von beiden. Wir haben die Schubladen verlassen.

Libertäre Harburg (LH), Januar 2010