Kapitalismus als Weltvernichtungsmaschine

Ein Versuch, den Bericht „Zur Lage der Welt 2010“ des Washingtoner Worldwacht Institute vom Kopf auf die Füße zu stellen.

Eine Unmenge an beängstigendem statistischen Material haben die Macher des Berichts „Zur Lage der Welt 2010“ zusammengetragen. Diese Studie wurde ursprünglich im Auftrag der Washingtoner Nichtregierungsorganisation (NGO) Worldwacht Institute angefertigt und am 18. März auch in Deutschland publiziert. Bei der Ausarbeitung der deutschen Version dieses seit 25 Jahren herausgegebenen Reports, der alljährlich zentrale globale Problemfelder thematisiert, wirkten die grünennahe Heinrich-Böll-Stiftung und die NGO Germanwatch mit. Das Worldwatch Institute gilt als eine der renommiertesten unabhängigen Forschungseinrichtungen, die sich vornehmlich mit Umwelt- und Sozialfragen beschäftigt.

Der diesjährige Bericht trägt den Titel „Einfach besser leben: Nachhaltigkeit als neuer Lebensstil.“ Er setzt sich zum einen mit den ökologischen Folgen des kapitalistischen Konsummodells auseinander. In einer Fülle anschaulicher Beispiele und Fallstudien wird die These untermauert, wonach das derzeitige Konsumniveau in einen zivilisatorischen „Kollaps“ führe. So bringe der vor allem in der „Ersten Welt“ ausufernde und überflüssige Konsum eine rasche Erschöpfung natürlicher Ressourcen mit sich. Der mit wachsendem Konsum einhergehende Energieverbrauch mache diesen überdies zum wichtigsten Faktor bei dem steigenden Ausstoß von Treibhausgasen. Die sich global ausbreitende Konsumgesellschaft bringe somit die Welt an den Rand einer Ressourcen- und Klimakrise. „Konsum ist Klimakiller Nr. 1“, heißt es in dem Report.

Demnach verbraucht ein Europäer im Schnitt täglich an die 43 Kilo Metalle, fossiler Brennstoffe, Mineralien und Holz; ein US-Amerikaner kommt sogar auf einen täglichen Ressourcenverbrauch von 88 Kilo. Um das bereits jetzt global herrschende Konsumniveau aufrechtzuerhalten, bräuchte es laut der Studie „1,3 Erdbälle“. Der globale Ressourcenverbrauch ist somit nicht nachhaltig – er ist zu hoch, um langfristig aufrechterhalten werden zu können. Insgesamt werden derzeit jährlich rund 60 Milliarden Tonnen Rohstoffe weltweit gefördert. Aus den Ressourcen der Erde wurden allein 2008 an die 1,2 Milliarden Mobiltelefone, 297 Millionen Computer, 85 Millionen Kühlschränke und 68 Millionen Fahrzeuge hergestellt. In der Dekade zwischen 1996 und 2006 sei der globale Konsum laut der Studie um 28 Prozent angestiegen. Seit 1960 hat sich der Konsum – unter Berücksichtigung des Bevölkerungswachstums – sogar verdreifacht.

Erfreulicherweise benennt die Studie die treibenden Kräfte dieser Entwicklung, die in den „westlichen Industrienationen“ verortet werden. Würden alle Menschen auf der Welt dasselbe Konsumniveau wie die US-Amerikaner ausleben wollen, könnte die Erde nur 1,4 Milliarden Menschen versorgen. Die Wohlhabendsten 500 Millionen Menschen stellten zwar derzeit nur rund sieben Prozent der Bevölkerung, aber sie generierten rund die Hälfte aller globalen Emissionen an Treibhausgasen. Dabei soll die Weltbevölkerung Schätzungen zufolge von den heutigen 6,8 Milliarden Menschen auf circa neun Milliarden in 2050 steigen. Eric Assadourian, einer der Direktoren des Worldwatch-Instituts, illustrierte die schreiende globale Ungerechtigkeit an einem Beispiel: „Zwei Deutsche Schäferhunde verbrauchen mehr Ressourcen als ein Mensch in Bangladesch.“

Im krassen Gegensatz zu diesem wertvollen empirischen Material, dass die 60 am Bericht beteiligten Wissenschaftler zusammengetragen haben, stehen die praktischen Schlussfolgerungen, die das Worldwacht Institute nahelegt. Assadourian fordert in dem Bericht „nichts Geringeres als eine Umwälzung der herrschenden kulturellen Muster,“ um den drohenden „Kollaps zu vermeiden“. Hierunter ist ein Abschied von der „Konsumkultur“ gemeint, die durch ein nachhaltiges Wohlstandsmodell ersetzt werden solle: „Nach dem Unvermögen der Regierungen, sich auf eine globale Antwort auf den Klimawandel zu verständigen, kommt es um so mehr auf die aufgeklärten Bürger an“, erklärte auch Ralf Fücks von der Heinrich-Böll-Stiftung bei der Vorstellung des Berichts.

Auf solch absurde praktische Schlussfolgerungen kann nur verfallen, wer die Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise bei seinen Betrachtungen konsequent ausblendet oder als „naturgegeben“ hinnimmt. Unsere „Konsumkultur“ ist nur die augenscheinlich wahrnehmbare, kulturelle Manifestation der den Kapitalismus nun mal konstituierenden Akkumulation von Kapital. Da alle wirtschaftliche Tätigkeit in unserer Gesellschaft auf die Realisierung von Profit (Mehrwert) ausgelegt ist, und dieser erst durch den Warenverkauf auf dem Markt realisiert werden kann, bildet sich quasi naturwüchsig eine ganze Werbeindustrie aus, die den Warenverkauf – also die Realisierung von Mehrwert – zu maximieren trachtet. Da diese durch Warenproduktion betriebene, uferlose Vermehrung von Kapital (Kapitalakkumulation) ihren Selbstzweck in der Profitmaximierung – und nicht in der Befriedigung von Bedürfnissen – hat, geht selbstverständlich das im Bericht beschriebene globale Wachstum des Konsums mit einem Wachstum von Hunger und Elend einher. Deutsche Schäferhundebesitzer konstituieren einen profitträchtigen Markt, zu dessen Befriedigung folglich Ressourcen aufgewendet werden – Menschen in Bangladesch tuen dies nicht.

Eine Kritik an dem kulturellen Überbau unserer Gesellschaft, bei der die Struktur der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ausgeblendet wird, läuft ins Leere. So verwundert es nicht, wenn die Macher des Berichts selber konstatieren müssen, dass die „Konsummuster fest im Alltag verankert“ seien und der „Sinn für Nachhaltigkeit“ sich nur mühsam etablieren würde. In Wahrheit ist es der krisengeplagte Prozess der Kapitalakkumulation selber, der als eine Art Weltvernichtungsmaschine die im Worldwatch-Bericht beklagte Verschwendung natürlicher Ressourcen auf effizienteste Art betriebt. Mehrwert kann letztlich nur vermittels Warenproduktion generiert werden. Der Kapitalist investiert sein als Kapital fungierendes Geld in Rohstoffe, Energie, Maschinerie und Arbeitskräfte, um in Fabriken neue Waren herstellen zu lassen, die unter Erzielung von Mehrwert verkauft werden. Das hiernach vergrößerte Kapital wird in diesem endlosen Verwertungsprozeß des Kapitals in noch mehr Energie, Rohstoffe etc. investiert, um wiederum noch mehr Waren herzustellen. Dieser uferlose Kernprozeß kapitalistischer Produktion setzt permanentes Wachstum des Kapitals voraus – niemand investiert sein Geld, um danach weniger oder genausoviel zu erhalten. Folglich müssen auch die Aufwendungen – Rohstoffe und Energie – für diesen Verwertungsprozeß permanent erhöht werden. Damit steht nicht die „Konsumkultur“, sondern der Prozess der Kapitalakkumulation selber der im Worldwatch-Berich geforderten Etablierung einer „nachhaltigen Wirtschaft“ im Weg. Anders formuliert: Wenn Assadourian „nichts Geringeres als eine Umwälzung der herrschenden kulturellen Muster,“ fordert, dann plädiert er implizit für die Überwindung der kapitaltischen Produktionsverhältnisse, für die Errichtung einer Gesellschaft jenseits der Kapitalakkumulation, die diese „herrschenden kulturellen Muster“ hervorbringt. Es ist wirklich an der Zeit, diese Diskussion vom (idealistischen) Kopf auf die (materialistischen) Füße zu stellen.

Tomasz Konicz