Es gibt kein richtiges Leben im falschen” – warum das Leben im Kapitalismus nicht lebt

In der richtigen Wirtschaft würden unsere Bedürfnisse entscheiden, welche Produkte hergestellt werden. Und das richtige Ziel der Produktion wäre es, Menschen die Befriedigung ihrer Bedürfnisse zu ermöglichen. Obstplantagen sollten z.B. dazu da sein, Menschen satt zu machen. So einfach dies auch klingen mag: es ist ein ferner Traum, welchem die Wirklichkeit, in der wir aufwachsen, spottet. Wir leben nämlich unter dem Kapitalismus, einer Wirtschaftsform, welche das genaue Gegenteil dessen darstellt, was ich am Anfang beschrieben habe: das Ziel der kapitalistischen Wirtschaft ist es nicht, menschliche Bedürfnisse zu befriedigen, sondern Geld zu vermehren, die Gewinne bis ins Unendliche zu steigern. Die Produktion ist zum Selbstzweck geworden. Die weitreichenden Auswirkungen dieses Widerspruchs, die verheerender nicht sein könnten, will dieses Flugblatt in bescheidender Kürze beschreiben:

Die sich verselbstständigende Produktion ist wie eine Krebszelle, welche sich immer mehr ausbreitet und den gesamten sozialen “Organismus” übernimmt: alles Leben wird der Produktion unterworfen – und dabei selbst ausgelöscht. Natur, Tiere und Menschen werden zu einem Anhängsel der Wirtschaftsmaschinerie, zu einem Mittel erniedrigt, um immer mehr Profit zu erwirtschaften. Alles wird nur in Hinblick auf seine bzw. ihre Verwertbarkeit wahrgenommen: Menschen werden so vorab zu einer “Ressource”, zum (Menschen-)Material, welches auf die Anforderungen der Maschine zugeschnitten wird: Ihr Ideal, dass fast alle Menschen verinnerlicht haben, ist das des ewig jugendlichen, vitalen und leistungsstarken Menschen, welches in jeder Werbeanzeige, jeder Fernsehserie wieder zu finden ist. Im Wunsch zu “funktionieren” gleichen sich die Menschen an die Arbeitsmaschinerie an, welche unser aller Leben bis ins Innerste bestimmt. Die Menschen machen sich selbst zu leblosen Maschinen und behandeln ihren eigenen Körper wie eine Leiche. Ihr Traum ist ein Alptraum: ein funktionierendes Rädchen sein. “Das Leben lebt nicht” in der falschen Gesellschaft. Aller Schönheitskult, wie ihn Talkshows, Werbung oder die EXPO produzieren, geht Hand in Hand mit der Feindschaft gegen das kranke, als “behindert” abgestempelte Leben, über dessen Abtreibung mensch schon heute ohne Gewissensbisse diskutieren kann.

Verachtet wird von den betriebsamen Menschen all das, was sich nicht “verwerten” und beherrschen lässt: Emotionen, Tränen und Triebe. An ihren Trieben wird den Menschen bewusst, dass sie keine funktionierenden Maschinen sind, sondern lebende, naturhafte Wesen. Und schon im Kindesalter lernen wir, dies zu verdrängen, z.B. wenn Eltern ihre Kinder fürs Erkunden ihrer Geschlechtsteile bestrafen: ungehemmte, öffentliche Sexualität hat keinen Platz in einer Welt, in der Zeit Geld ist und jeder “Zwischenfall” die Profitrate gefährdet. Nichts darf die Menschen von der Arbeit, vom Geschäftigsein ablenken.

So greifen die Menschen zu sexuellen Ersatzprodukten, an denen es nicht fehlt, benutzt als kläglicher Ersatz für die Regungen, welche sie in der Wirklichkeit sich nicht auszuleben gestatten: einsam vor dem Fernseher masturbieren. Selbst aus der Triebunterdrückung zieht das kapitalistische System noch Profit. Die Menschen werden dabei betrogen um menschliche Beziehungen und freie Sexualität. Diese wird von den Menschen in die Privatspähre, das Schlafzimmer abgeschoben. Und Menschen, die sich zu freier Liebe bekennen, sich nicht dem Muster der bürgerlichen Zweierbeziehung unterwerfen und ihre Triebe ausleben werden als “Schweine” bezeichnet. Solche Anfeindungen basieren auf Projektion: das Triebhafte in ihnen, was sie zu verdrängen lernten, wird auf die nicht entsagenden Menschen projiziert, um es dort verdammen zu können. “Du Schwein!”

Dem (Un-)Wesen des Kapitalismus wohnt ein Wachstumszwang inne: Immer mehr muss produziert werden, um noch mehr Gewinn einzufahren. Jedes Unternehmen, dass nicht freiwillig sein Tod besiegeln will, strebt danach: Am Ende des Jahres müssen die Einnahmen die Kosten überwiegen, um “konkurrenzfähig” zu bleiben. So bedeutet Fortschritt in der kapitalistischen Welt nichts anderes als die Steigerung des wirtschaftlichen Wachstums. Ihre größte Angst ist der Stillstand: immer muss es “weiter gehen”, obgleich keine/r so recht weiß, wohin es gehen soll. Darin ähneln die einzelnen Menschen immer mehr der großen Wirtschaftsmaschine, in die sie eingebunden: immerzu sind sie mit Dingen beschäftigt und Panik ergreift sie überall dort, wo der Terminkalender noch Lücken lässt. Ruhige Stunden und Selbstbesinnung kennen sie nicht.

In Vergessenheit geraten ist bei solcher Logik die simple Überlegung, ob Menschen das, was auf den Markt geworfen wird, überhaupt brauchen, ob es ihren Bedürfnissen entspricht. Diese Frage kann im wuchernden Kapitalismus nicht mehr gestellt werden: sie ist ein Mal der Blindheit, welches aus dem zwanghaften Streben nach Profit erwächst. An ihr wird die Irrationalität dieser Gesellschaft sichtbar: der Krieg, welcher nie vergessenes Schrecken und Leid für so viele bedeutet, wird zum lukrativen Geschäft für die Rüstungsindustrie. Und jedes wirtschaftliche Wachstum geht einher mit der Zerstörung von Natur, den Grundlagen allen Lebens auf der Erde. Ressourcen werden bei uns für sinnlose Waren verschwendet, während auf der Südhalbkugel Menschen verhungern: Kapitalismus und Ökologie sind unvereinbare Widersprüche.

Und so ist die Befriedigung der Menschen, für welche sie erschaffen, auch nicht das Ziel der kapitalistischen Wirtschaft. Mit Werbung, der mensch bei aller Anstrengung nicht entgehen kann, werden die Bedürfnisse der Menschen von Geburt an manipuliert, Tag für Tag. Immer neue Waren müssen ihnen angedreht werden, damit der kalkulierte Wahnsinn des Profits weiter seinen Lauf nehmen kann. Wenn ich durch die – sich immer weiter ausbreitenden – Konsummeilen wandere und all dieses Zeug sehe, was Menschen sich andrehen lassen, kann ich es nicht verstehen, wie wir noch stolz sein können auf die gepriesene “Vielfalt” dessen, für das wir unser Geld aus dem Fenster werfen “dürfen.” All das ist nicht da, um Menschen glücklich zu machen, sondern um Geld zu vermehren. Der Konsum selbst dient längst nicht mehr der Befriedigung von menschlichen Bedürfnissen, sondern der Kompensation: alles, was von uns gekauft wird, soll nur über die erdrückende Wirklichkeit, den immer gleichen Arbeitsalltag hinweg trösten. Menschen flüchten sich in den Konsum, um sich am nächsten Montag morgen in den selben Trott zu begeben, dem sie entkommen wollten. So schliesst die falsche Gesellschaft ihren Kreislauf: aber mit jeder so erkauften Freude ist uns klar, dass richtiges Glück nicht zu ersetzen ist.

Die Unzufriedenheit der Menschen, welche sie produziert und verewigt, wird von der kapitalistischen Wirtschaft noch als höchstes Glück verherrlicht. Dies drückt sich im Bild vom ständig nach oben strebenden Menschen aus, der weder Ruhe kennt noch Glück: hinter dem “immer in Bewegung bleiben”, dem sich Wirtschaft wie die Einzelnen verschrieben haben steckt die traurige Wahrheit, dass es in dieser Welt keine Zufriedenheit geben kann, keinen Frieden. Dieser gehört erst zu einem Zustand, in der Gesellschaft und einzelner Mensch nicht mehr Sklaven der Wirtschaftsmaschinerie sind.

Es geht nicht einfach “nur” darum, dass ArbeiterInnen ausgebeutet werden – dass wäre zu einfach und eindimensional, wie Marxisten zu recht vorgeworfen wurde. Sondern darum, was die kapitalistische Produktion aus dieser Gesellschaft als Ganzem, aus jedem bzw. jeder von uns macht: die “(un-)freie Marktwirtschaft” ist nicht für uns da, sondern wir für sie – und deshalb kann sie nicht anders als a-sozial, inhuman sein. Diese Arbeitsmaschine wird nicht von dem Wunsch geleitet, allen Menschen ein schönes Leben zu ermöglichen, sondern dem, Profit zu machen, Kapital anzuhäufen – und genau so sieht unsere schöne Welt aus. “Aber man kann doch nicht gegen alles sein” und “man muss sich auch mal anpassen” ist das, was Andere mir sagen. Es sind die Worte derer, welche ihre Träume schon irgendwo zwischen Karriereleiter, Geld und trautem Familienleben begraben haben. Anpassung an diese Welt ist Verrat an der Idee eines schönen, freien Lebens für alle Menschen, welches in dieser Gesellschaft nicht zu verwirklichen ist: Freiheit für den einzelnen Menschen setzte eine Gesellschaft voraus, in der Wirtschaft für uns und unsere Bedürfnisse arbeitete – und nicht umgekehrt.

Nicht die, welche nicht mitmachen wollen sind es: nicht die Menschen, der Kapitalismus ist a-sozial!

Ein Text der Schwarzen Katze